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Text ausblendenAb heute (21.03) werde ich täglich folgenden Satz in einen Terminkalender hineinschreiben:
»ich lebe.«
Da wir uns bereits im März befinden, steht auf den ersten Blätter geschrieben:
»ich lebte.«
Notizen zum Projekt
Zuerst dachte ich nur: Ich suche jetzt irgendein Notizbuch, wo ich einmal am Tag mit dem Datum versehen hineinschreibe: »ich lebe». Dann fand ich in meinem Kleiderschrank ein sehr altes bereits leicht vergilbtes liniertes Notizbuch. Und da fing ich an, darüber nachzudenken, was eigentlich das Objekt Notizbuch – unabhängig von dem, was drinne steht – ausdrückt.
Bei dem Gedanken ein bereits in die Jahre gekommenes Notizbuch zu verwenden, bekam ich Zweifel. Denn das Buch ist dann bereits viel älter, als mein »ich lebe». Und das würde bei nachträglicher Betrachtung zu falschen Gedanken führen. »Gab es im Jahre 2011 noch solche Notizbücher zu kaufen?» oder »Was wollte der denn nur damit ausdrücken, dass er ein Notizbuch verwendete, welches gar nicht mehr hergestellt wurde, als er mit dem Projekt startete?».
Fragen, die in die Irre führen. Deshalb stand fest: Es muss ein Notizbuch sein, welches genau in dem Jahr hergestellt wurde, in dem ich mit dem Projekt anfing. Und das hieß: Das Notizbuch musste ein Terminkalender sein.
Nun kam die Blattgröße ins Spiel. Da ein »ich lebe» nur sehr sehr wenige Platz in Anspruch nimmt, würde es reichen, wenn ich einen kleinen Terminkalender verwenden würde. Aber: Kämen die beiden Wörter »ich» und »lebe» nicht besser zur Geltung, wenn ein Blatt recht groß wäre? Da wo eigentlich ganz viele Termine mit Ausrufezeichen, mit Unterstreichungen und mit genauen Uhrzeitangaben stehen müssten, würde nur eine Zeile beschrieben sein. Ergo: Es muss ein Terminkalender mit großen Blättern sein (habe mich für ein mittleres Format, 9 x 14cm, entschieden).
Da mir die Idee nicht am ersten Januar in den Schoß gelegt wurde, sondern am 17. Mai 2011 spät abends, müsste ich entweder (a) die ersten Monate nachträglich mit »ich lebe» ausfüllen (wodurch die Zeitform jedoch – auch wenns niemals jemand erfahren würde – gelogen wäre), (b) die ersten Monate einfach frei lassen (wo dann die Frage aufkäme, ob ich erst Mitte Mai 2011 die Welt erblickte), oder (c) die bereits in der Vergangenheit liegenden Tage mit »ich lebte» (also Präteritum) zu füllen.
Letzte Variante erschien mir als einzig nachvollziehbar. Wäre da nicht… ja, wäre da nicht eine plötzlich hinzugekommene Bedeutungsanschwellung. Zum einen könnte der Betrachter den Zeitwechsel Mitte Mai 2011 als einfache biografische Tatsache wahrnehmen (schließlich kam ich erst im Mai auf die Idee, das Projekt zu starten), oder aber er sieht mehr in den Worten »ich lebte» und »ich lebe».
Denn im Endeffekt war ich beim Schreiben von »ich lebte» bereits selber in der Situation, dass ich auf mein vergangenes Leben – so wie es zukünftige Betrachter sehen würden – zurückblickte.
Weiterhin klingt »ich lebte» ein wenig nach »naja, ich lebte halt». Das heißt: Ich sah selber mein bereits gelebtes Leben als »belanglos» an (was meiner Meinung nach jedoch nicht negativ ist).
Im ersten Teil des Terminkalenders begebe ich mich also in die Haut des zukünftigen Betrachters und im zweiten Teil in meine eigene. Ins Hier und Jetzt. Und dort – also in der Gegenwart – hat der Satz »ich lebe» noch nichts bedeutungsvolles an sich. Es zeigt halt, wie der aktuelle Zustand ist. Denn als ich jene Worte niederschrieb… lebte ich (sonst hätte ich sie ja nicht schreiben können). Ein Fakt. Mehr nicht.
Erst später, wenn ich mir den nun bereits vergilbte Terminkalender durchsehen würde, bekäme auch der zweite Teil die Bedeutung, die bereits der erste Teil während des Schreibens hatte: Das bereits vergangene Leben ist im Gesamten gesehen: belanglos.